Para-Dressur
Für Isabell Nowak beginnt jeder Wettkampf nicht erst in der Arena, sondern viel früher – in einem Moment, der nur ihr und ihrem Pferd gehört. Wenn sie Siracusa OLD, ihren „Siri“, vorbereitet, wenn die Massagedecke aufgelegt wird und er sein extra Wellnessprogramm erhält, geht es auch bei ihm in eine Konzentrationsphase. „Wir haben unsere Rituale.“ Ein gemeinsamer Code ist Isabells Atemtechnik. „Wenn ich im Warm-up damit beginne, weiß Siri: Jetzt geht’s los. Und in der Prüfung legt er dann noch eine Schippe drauf.“
Es ist diese Verbindung, die Para-Dressur so besonders macht. „Wir müssen unsere Pferde sensibilisieren, weil wir selbst Einschränkungen haben. Das geht nur über Beziehung.“ Und diese ist der Grund, warum die 43-jährige Para-Dressurreiterin aus Niedersachsen in diesem Sommer von etwas träumt, das weit über den reinen Wettkampf hinausgeht: von einer Weltmeisterschaft im eigenen Land, im Reitsport-Mekka Aachen. Ihrem „ganz persönlichen Sommermärchen“, wie sie sagt.
Aachen – das ist Tradition, Mythos, Bühne. „Auf der Stadionwiese herrscht eine ganz besondere Akustik“, schwärmt Isabell. „Da hörst du jedes Raunen, jedes Rauschen, jede Emotion.“ Aachen sei schon immer sehr, sehr besonders, die Atmosphäre, die Organisation, die Kulisse unglaublich beeindruckend. „Das löst ganz besondere Emotionen aus.“ Und in diesem Jahr ist es noch einmal mehr: ein Ort, an dem erstmals sechs Pferdesportarten gemeinsam ihre Weltmeisterschaften austragen: Springen, Dressur, Vielseitigkeit, Voltigieren, Fahren und Para-Dressur. „Das ist gelebte Inklusion“, freut sich Isabell. „Wir sind nicht irgendwo abseits, wir sind mittendrin. Auf der gleichen Bühne wie alle anderen. Das ist neu – und das ist riesig.“ Die Weltklasse-Athletin hofft, dass das Publikum sieht, was Para-Dressur ausmacht: Präzision, Gefühl, Partnerschaft. Und Mut. „Viele Menschen wissen immer noch viel zu wenig über den Para-Sport“, sagt sie. „Dabei ist so viel möglich – selbst mit schweren Handicaps. Und Aachen gibt uns endlich die Bühne, die wir brauchen.“
Wir sind nicht irgendwo abseits, wir sind mittendrin. Das ist gelebte Inklusion.
Isabell Nowak
Dass Isabell überhaupt reitet, grenzt an ein Wunder. Vor ihrem Unfall war sie Polizeibeamtin in einer Spezialeinheit, sportlich auf höchstem Niveau, Triathletin, Läuferin. Dann der Verkehrsunfall 2007. „Noch am Wochenende zuvor war ich Bestzeit im Halbmarathon gelaufen“, blickt sie auf diesen Wendepunkt in ihrem Leben zurück. „Und am Dienstag darauf konnte ich nicht einmal mehr einhundert Meter gehen.“ Die aufgrund der Verletzung zunächst geplante Versteifung der Halswirbelsäule hätte ihr Leben dauerhaft eingeschränkt. „Ich konnte meinen Kopf nicht mehr halten.“ Doch ihr langjähriger Orthopäde riet ihr zum Reiten – als Therapie, als Chance. Es folgten zwei Jahre Reha. „Die Pferde haben mir meine Kraft wiedergegeben“, sagt sie. Erst Schritt, dann Trab. „Ohne sie wäre ich heute nicht da, wo ich bin.“
Doch anfangs war der Vorschlag, dass sie in den Para-Sport wechseln sollte, zunächst ein Schock – und dann doch eine Befreiung. „Ich wollte eigentlich zurück in den Regelsport. Aber irgendwann habe ich verstanden: Das ist mein Weg. Und er ist gut so.“ Seit 2022 wird die Para-Dressurreiterin von der Sporthilfe unterstützt, aktuell im Top-Team. Zusätzlich erhält sie die Altersvorsorge und den Zuschuss für zentrale Maßnahmen des Bundeskanzleramts. „Der Reitsport ist immens teuer“, sagt sie offen. „All die monatlichen Kosten für Stall, Training, Turniere. Ohne die Sporthilfe könnte ich meinen Sport in dieser Form nicht ausüben.“
Bei den Paralympischen Spielen in Paris wurde Isabell zweimal Vierte. Bei der vergangenen Europameisterschaft rutschte sie im letzten Moment um 0,02 Punkte vom Bronze- auf den vierten Platz zurück. „Jetzt reicht’s“, sagt sie und lacht. „Bei der Heim-WM will ich eine Medaille.“ Ob mit Siri oder Nachwuchspferd Ellis – die Qualifikation läuft, die Spannung steigt. „Ich wünsche mir ein Sommermärchen. Und ich glaube, dass man mit der Emotion im eigenen Land noch einmal über sich hinauswachsen kann.“
Für Isabell ist die Heim-WM mehr als ein sportliches Ziel. Sie ist ein Meilenstein, der zeigt, wie weit sie inzwischen gekommen ist – „erst einmal da sein“ – aber auch, wohin es gehen soll: „Und dann um eine Medaille kämpfen.“ Und wenn sie in Aachen einreitet, wird sie nicht allein sein. Siri oder Ellis werden an ihrer Seite sein. Die Atemtechnik. Die Rituale. Die gemeinsame Verbindung, die sie trägt. Und vielleicht – wenn alles zusammenkommt – auch das Sommermärchen, von dem sie träumt.

