Rhythmische Sportgymnastik

Wenn Darja Varfolomeev in diesem Sommer in Frankfurt die Wettkampfbühne betritt, ist das mehr als ein weiteres Highlight in einer ohnehin intensiven Saison. Es ist der bislang größte internationale Wettbewerb ihrer Karriere vor heimischem Publikum. Und damit ein Moment, der für die 19-jährige Olympiasiegerin von Paris zwischen Freude, Erwartung und Anspannung liegt. „Vor allem spüre ich große Vorfreude, aber natürlich auch ein bisschen Nervosität“, beschreibt Darja ihre Gefühlslage mit Blick auf die Heim-WM im August. Sie kennt die Frankfurter Festhalle gut, nicht zuletzt durch ihren Auftritt beim Ball des Sports der Sporthilfe im Februar dieses Jahres, als sie die Gala-Gäste mit einer eigens für den Abend einstudierten Kür verzauberte. Doch eine Weltmeisterschaft zuhause, wenn alle Augen auf sie gerichtet bzw. größte Erwartungen mit ihr verbunden sein werden, ist eine nochmal ganz andere, neue Situation. „So einen großen Heimwettkampf habe ich noch nicht erlebt. Ich freue mich riesig darauf, aber ich spüre natürlich auch eine gewisse Anspannung.“

Dreimal Gold bei den Europameisterschaften in Warna (Bulgarien) – im Mehrkampf, mit dem Ball und dem Band – haben Darja in diesem Jahr bereits Rückenwind gegeben. Und doch weiß sie, wie schmal der Grat ist zwischen Motivation und Druck. „Natürlich möchte ich bei jeder Weltmeisterschaft meine beste Leistung abrufen. Aber wenn sie in Deutschland stattfindet, motiviert mich das noch einmal mehr, zu zeigen, was wir trainiert haben. Gleichzeitig mache ich mir selbst viel Druck: Es muss klappen“, sagt sie offen. Die Kunst bestehe darin, diese Spannung nicht als Last zu empfinden, sondern in Energie umzuwandeln. „Ich glaube, ich muss mich darauf konzentrieren, den Moment zu genießen.“

Die Rhythmische Sportgymnastik lebt in besonderer Weise von Atmosphäre, Musik, Bewegung und Ausdruck – alles ist eng mit dem Publikum verwoben. Ob Ruhe oder Applaus, Konzentration oder Begeisterung, die Halle ist immer auch Teil der Performance. Für Deutschlands Top-Favoritin ist genau das ein entscheidender Aspekt: „Das Publikum kann dich tragen“, sagt sie. Gleichzeitig müsse man lernen, die Geräuschkulisse auszublenden, wenn es darauf ankommt.

Darja Varfolomeev wurde 2006 im sibirischen Barnaul geboren. Da sie einen deutschen Großvater hat und auch ihre Mutter, ebenfalls Sportgymnastin, als Jugendliche in Deutschland lebte, besitzt sie seit Geburt sowohl die russische als auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Ihr Weg in den deutschen Spitzensport begann im Jahr 2018, als die damals Zwölfjährige nach Deutschland reiste, um ihr Können vor den Bundestrainerinnen vorzustellen, die ihr daraufhin einen Platz im deutschen Team in Aussicht stellten. Die Entscheidung, dauerhaft nach Deutschland zu ziehen, fiel schnell. „Ich wollte meinen Traum verfolgen.“ Dieser hieß Olympia – und wurde 2024 in Paris Wirklichkeit. „Ich hatte immer dieses Gefühl von Olympia in meinem Herzen.“

Dass die Rhythmische Sportgymnastik in Deutschland in den vergangenen Jahren merklich sichtbarer geworden ist, spürt Darja deutlich. „Früher wussten viele gar nicht genau, was Rhythmische Sportgymnastik überhaupt ist. Wenn wir mit unseren Reifen unterwegs waren, hieß es oft: Ah, Hula-Hoop?“, lacht sie. „Heute kennen viel mehr Menschen unsere Sportart – und das ist schön zu sehen. Man merkt jedes Jahr mehr, wie viel bekannter die Rhythmische Sportgymnastik wird. Und ich hoffe, dass die Heim-WM in Frankfurt noch einmal sehr viel zu diesem Trend beitragen wird.“

Container for the instagram post

(Will be hidden in the published article)


Ich muss mich darauf konzentrieren, den Moment zu genießen.

Darja Varfolomeev

Als Olympiasiegerin von Paris ist Darja in Deutschland und auch international längst zum Gesicht ihrer Sportart geworden und eine Identifikationsfigur für viele junge Mädchen. „Wenn sie mich sehen, nach einem Foto fragen oder sagen, dass ich ihr Vorbild bin, ist das etwas ganz Besonderes. Früher hatte ich selbst viele Vorbilder – und jetzt selbst eines zu sein, fühlt sich unglaublich an. Auch, dass ich manchmal auf der Straße erkannt werde, ist schon verrückt.“

Dass nun eine Weltmeisterschaft in Deutschland stattfindet, fühlt sich für Darja wie ein weiterer Meilenstein an. „Wenn es irgendwann auch Olympische Spiele in Deutschland gäbe, wäre das natürlich das i-Tüpfelchen.“ Was dann für eine Begeisterung vorherrschen wird, davon kann Darja dieses Jahr im August eine Vorahnung bekommen. Denn die bevorstehende Heim-WM sorgt bereits im Vorfeld für riesige Euphorie. „Viele Tickets für die WM sind schon ausverkauft, besonders für den Mehrkampf und die Finals“, weiß Darja. „Ich bekomme unglaublich viele Nachrichten auf Instagram und anderen Plattformen mit der Frage, ob es nicht noch Karten gäbe. Das zeigt, wie groß das Interesse ist.“

Trotz aller Erwartungen von außen bleibt ihr Blick aber auf das gerichtet, was im Zentrum ihres Sportlerlebens steht: die eigene Leistung. Ihr Ziel für die Heim-WM wird deshalb auch nicht in einer Medaillenfarbe definiert, sondern mit: „Das abrufen, was ich im Training erarbeitet habe.“ Ob sie ein Lieblingsgerät hat? „Eigentlich mag ich alle Disziplinen, weil jede etwas Besonderes hat. Mit dem Reifen kann man zum Beispiel tolle Roll- und Wirbelelemente machen, die mit den Keulen nicht möglich sind. Die wiederum sind spannend, weil man mit zwei Gegenständen gleichzeitig arbeitet. Und das Band ist mit seinen sechs Metern natürlich auch etwas ganz Besonderes. Deshalb habe ich keinen klaren Favoriten.“

Nach der WM, sagt sie, werde sie erst einmal Abstand brauchen. Die Saison lasse kaum echte Pausen zu, erst nach der Weltmeisterschaft entstehe Raum zum Durchatmen. Dann sei auch Zeit für Familie, Reisen – und für Dinge abseits des Sports. „Erst dann kann man wirklich abschalten“, sagt sie. Doch bis dahin richtet sich ihr Blick auf Frankfurt. Auf die Festhalle, auf ihre sorgsam einstudierten Choreografien, auf die Geräte in ihren Händen. Und auf das Heim-Publikum, das sie tragen wird.