Die unterschätzten Talente des Arbeitsmarkts
In diesem Gastbeitrag erläutert Dr. Frank Weingarten, was Spitzensportlerinnen und -sportler zu den unterschätzten Talenten des Arbeitsmarkts macht – und warum Unternehmen genauer hinschauen sollten.
Als Kathrin Marchand bei den Paralympics in Mailand Cortina im Para-Skilanglauf Sprint auf Platz vier landet, ist das Ergebnis mehr als eine sportliche Leistung. Es ist der Beweis dafür, wie konsequent sich Spitzensportlerinnen und -sportler in neue Herausforderungen hineinarbeiten können – selbst dann, wenn der Weg dorthin alles andere als geradlinig ist. Erst 14 Monate zuvor hatte Kathrin vom Rudern in den Wintersport gewechselt – bereits ihr zweiter großer Neuanfang. Zuvor war sie im olympischen Sport erfolgreich unterwegs, bis sie 2021 einen Schlaganfall erlitt. Sie ist damit die erste Frau, die sowohl bei Olympischen Sommerspielen als auch bei Paralympischen Sommer- und Winterspielen an den Start ging. Die 35-Jährige wurde bislang insgesamt 15 Jahre von der Sporthilfe unterstützt, gehört heute zum Top-Team und erhält die vom Bund finanzierte Altersvorsorge.
Ihre Geschichte zeigt eindrucksvoll, welche Fähigkeiten Athletinnen und Athleten entwickeln: Hohe Leistungsorientierung, Fokussierung und Erfolgswillen. Kompetenzen, die in der Wirtschaft dringend gebraucht werden – aber im Arbeitsmarkt noch immer unterschätzt bleiben.
Während sportliche Karrieren oft früh enden, suchen Unternehmen händeringend nach Fachkräften mit Resilienz, Leistungsbereitschaft und Zielorientierung. Genau diese Eigenschaften entwickeln Spitzensportlerinnen und -sportler über Jahre hinweg und bilden damit ein bislang weitgehend ungenutztes Potenzial für den Arbeitsmarkt. Spitzensportlerinnen und -sportler sind es gewohnt, unter Druck zu performen, sich kontinuierlich zu verbessern und ambitionierte Ziele zu verfolgen. Diese Erfahrungen prägen stabile Persönlichkeitsmerkmale, die im beruflichen Kontext von hohem Wert sind. Studien zur Persönlichkeitsforschung im Leistungssport zeigen, dass Eigenschaften wie Gewissenhaftigkeit, Fokus
und eine dynamische Balance zwischen Leistungsstreben und Kooperation zu den zentralen Zukunftskompetenzen zählen. Die Leistungsfähigkeit von Athletinnen und Athleten zeigt sich bereits während ihrer aktiven Karriere:
Trotz erheblicher zeitlicher Belastungen schließen rund zehn Prozent der Spitzensportlerinnen und -sportler die Schule mit einem Notendurchschnitt bis 1,5 ab, weitere knapp 20 Prozent mit 2,0 oder besser. Diese Zahlen verdeutlichen, dass Disziplin, Zielorientierung und Selbstmanagement nicht nur sportliche, sondern auch akademische und berufliche Erfolge fördern. Empirische Untersuchungen belegen zudem, dass sich sportliche Höchstleistung langfristig ökonomisch auszahlt. Ehemalige Spitzensportlerinnen und -sportler erzielen signifikant höhere monatliche Nettoeinkommen als vergleichbare Nicht-Sportlerinnen bzw. -Sportler, selbst bei gleichem Bildungsniveau und ähnlicher Berufserfahrung. Besonders Teamsportlerinnen und -sportler profitieren von ihren ausgeprägten sozialen und kommunikativen Kompetenzen. Diese Ergebnisse zeigen, dass sich die im Leistungssport erworbenen Fähigkeiten erfolgreich in beruflichen Erfolg übersetzen lassen, jedoch im Recruiting bislang selten berücksichtigt werden. Trotz des offensichtlichen Potenzials bleiben Spitzensportlerinnen und -sportler auf dem Arbeitsmarkt häufig unentdeckt. Die Ursache ist eine doppelte Lücke: Auf Seiten der Sportlerinnen und Sportler fehlt häufig die Fähigkeit, die eigenen sportlich geprägten Kompetenzen bewusst zu identifizieren und in den Kontext des Geschäftslebens zu übersetzen, sei es für Lebensläufe, Bewerbungsgespräche oder strategische Karriereentscheidungen. Auf Seiten der Unternehmen mangelt es an einer klaren Logik, um das Potenzial von Spitzensportlerinnen und -Sportlern jenseits symbolischer Zuschreibungen („Disziplin“, „Biss“) konkret zu erkennen und zu nutzen.
Diese strukturellen Defizite verhindern eine effektive Integration und Wertschöpfung. Um das Potenzial von Spitzensportlerinnen und -sportlern zu erschließen, braucht es ein systematisches Vorgehen auf beiden Seiten.
Athletinnen und Athleten sollten lernen, ihre Stärken sichtbar zu machen:
• Sportliche Erfahrungen bewusst reflektieren
• Kompetenzen in berufliche Sprache übersetzen
• Sich strategisch positionieren
Unternehmen wiederum sollten Athletinnen und Athleten als eigenes Talentsegment begreifen:
• Kompetenzbasierte Auswahlverfahren nutzen
• Mentoring- und Onboarding-Programme anbieten
• Sportliche Kompetenzen als Wettbewerbsvorteil verstehen
Kathrins Geschichte zeigt, was Selbstverantwortung und Unabhängigkeit bedeuten. „Der bewusste Wechsel vom Ruder-Vierer zum Wintersport war auch vom Wunsch getrieben, die eigene Leistungsfähigkeit selbstbestimmter einzubringen“, sagt sie rückblickend – und das Ergebnis eigenverantwortlich zu gestalten. Wer in der Lage ist, sich unter Extrembedingungen mit einer klaren Leitlinie selbst zu steuern und neue Wege zu gehen, bringt das Fundament mit, um später auch Teams erfolgreich zu führen.
Jürgen Eggers, Personalleiter beim Bauunternehmen GOLDBECK, begleitet seit 2019 das gemeinsame Mentorenprogramm der Sporthilfe und der Werte-Stiftung. Dort hat er Athletinnen und Athleten als unprätentiöse, leistungsorientierte und sehr teamfähige Persönlichkeiten erlebt, deren persönliche Kompetenzen im Unternehmenskontext auffallen. Gerade deshalb sieht der Personalleiter eine enge Verbindung zu den GOLDBECK-Werten „Menschlichkeit, Vertrauen, Verantwortung, Leistung, Pioniergeist“. Diese spiegeln genau das wieder, was Spitzensport prägt: Belastbarkeit, Eigenverantwortung, Teamorientierung und der Wille, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Entscheidend ist aus Unternehmenssicht jedoch die Übersetzung. Nicht die sportliche Biografie allein erzeugt berufliche Relevanz, sondern die Fähigkeit, daraus konkrete Stärken abzuleiten. Sportlerinnen und Sportler sollten diese persönlichen Skills in Bewerbungen und Gesprächen selbstbewusst sichtbar machen und nicht zu bescheiden auftreten. So wird aus sportlicher Erfahrung ein nachvollziehbarer Mehrwert für Unternehmen.
Genau an dieser Stelle setzt die Sporthilfe an. Mit Programmen zur Kompetenzförderung wie dem Matchplan, Mentorenprogramm oder dem Unternehmensnetzwerk schafft die Stiftung genau die Brücke, die vielen Athletinnen und Athleten fehlt: Sie lernen, ihre sportlichen Stärken zu benennen, zu übersetzen und im Berufsleben wirksam einzusetzen. So wird aus Leistung auf der Bahn, im Boot oder auf dem Feld echte Karrierekompetenz.
