Urs Breitenberger
Übernommen hat Urs die Rolle als Athletensprecher auch aus Frustration. Über mehr als zwei Jahrzehnte im Leistungssport hat er immer wieder erlebt, wie gehörlose Sportlerinnen und Sportler im deutschen Fördersystem durchs Raster fallen. „Ich wollte daran etwas ändern." Vor allem zwei Themen treiben ihn an: die Sichtbarkeit von Deaf-Sportlerinnen und -Sportlern und die Schaffung von Sportförderplätzen – etwa bei Bundeswehr, Polizei oder Zoll. Während olympische und paralympische Athletinnen und Athleten auf entsprechende Förderstrukturen zurückgreifen können, gibt es für gehörlose Leistungssportlerinnen und -sportler bislang keinen einzigen solchen Platz.
Die Folgen sind spürbar. Viele Athletinnen und Athleten trainieren auf internationalem Spitzenniveau und stemmen trotzdem gleichzeitig einen Vollzeitjob. Urs selbst arbeitet 40 Stunden pro Woche als Fachplaner für Elektrotechnik. „Am liebsten würde ich meine Arbeit kündigen und meine ganze Energie in den Sport stecken", sagt der 38-Jährige. „Aber ich muss natürlich auch mein Leben finanzieren." Urs hat das Gefühl, dass die Deaflympics politisch noch immer nicht auf derselben Stufe wahrgenommen werden wie beispielsweise Paralympische Spiele. „Wir werden nicht so ernst genommen wie andere Gruppen."
Wir werden nicht so ernst genommen wie andere Gruppen.
Urs Breitenberger
Es ist ein Satz, der sich wie ein Roter Faden durch seine Aussagen zieht. Immer wieder geht es um Sichtbarkeit. Um Anerkennung. Um die Frage, wer im deutschen Sportsystem selbstverständlich mitgedacht wird – und wer lediglich mitgemeint. Dass Gehörlosigkeit oft unsichtbar ist, mache die Situation komplizierter. Während andere körperliche Behinderungen meist unmittelbar erkennbar sind, werden „unsere Barrieren oft nicht gesehen." Gerade in traditionellen Strukturen stößt er immer wieder auf Menschen, die Veränderungen skeptisch gegenüberstehen. Er spricht von „alten, weißen Männern", gegen deren Beharrungsvermögen er häufig ankämpfen müsse.
Seine Arbeit führt ihn regelmäßig für politische Gespräche in den Bundestag, um sich für die Belange der gehörlosen Sportlerinnen und Sportler stark zu machen, er nutzt soziale Medien, um Öffentlichkeit zu schaffen. Die Bilanz fällt gemischt aus. „Kleine Impulse" habe es gegeben. Der große Durchbruch aber sei bislang ausgeblieben.
Trotzdem macht er weiter und kämpft dafür, dass kommende Generationen diese Hürden nicht mehr allein überwinden müssen. „Ich glaube, es ist wichtig, eine stabile Brücke zwischen hörenden und gehörlosen Sportlerinnen und Sportlern zu bauen – eine, die stark genug ist, um alte Strukturen aufzubrechen." Sein Ziel ist es, endlich gehört zu werden.
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