Paris sehen 
… und dann?

Ein Jahr nach den Olympischen Sommerspielen und den Paralympics gilt der Fokus der deutschen Stars von Paris längst wieder neuen Zielen. Sie heißen Weltmeisterschaft, Studium – oder auch zweite Karriere nach dem Sport.

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Bei Leo Neugebauer ist alles im grünen Bereich. Zumindest sieht es in dem kurzen Clip, den der 25-Jährige kürzlich bei Instagram hochgeladen hat, schwer danach aus. Ohne hinzuschauen löst Deutschlands derzeit bester Zehnkämpfer in Windeseile einen Zauberwürfel und präsentiert der Handykamera die vollständige grüne Seite. Sein Kommentar dazu: „Ich mach‘ das jetzt schon eine ganze Weile.“

Ähnlich könnte auch Neugebauers Antwort auf seine Höchstleistungen im Sport lauten. 2017 gewann er Bronze bei der U18-WM. 2022 knackte er als College-Student in Texas erstmals die magische 8.000-Punkte-Marke. 2023 brach er den damals 39 Jahre alten Deutschen Rekord, womit die Sportöffentlichkeit endgültig Notiz von ihm nahm. Es folgten der fünfte Platz bei der WM in Budapest, eine weitere Verbesserung der eigenen Bestleistung auf 8.961 Punkte und schließlich vor gut einem Jahr der bisherige Höhepunkt: die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Paris. 

Was in den Tagen danach passierte, lässt sich getrost als Hype bezeichnen. Neugebauer wurde dies- und jenseits des Atlantiks zum strahlenden Star, seine Followerzahlen schossen in die Höhe, bei seinem Management regnete es Anfragen. Wie ein kleiner Film sei das gewesen, sagt der gebürtige Schwabe, „aber es hat auch mega Bock gemacht“. Überhaupt fallen ihm nur Superlative ein, wenn er über Paris spricht: „etwas Einzigartiges“, „ein verrücktes Erlebnis“, „ein Traum“. Man bekommt nicht den Eindruck, diesem Mann könnten die großen Erwartungen irgendwann zu viel werden.

Und doch hat sich nach Paris etwas verändert: Neugebauer hat sein Studium beendet und ist nun Profiathlet. Er lebt weiterhin in Austin, trainiert mit Weltklasseathletinnen und -athleten wie den Sprinterinnen Dina Asher-Smith und Julien Alfred, hat aber keine Verpflichtungen mehr für die Uni. Das ermöglichte ihm jüngst den erstmaligen Start beim legendären Mehrkampf-Meeting in Götzis. Und nebenbei auch den ein oder anderen Sponsoring- und Werbe-Deal, der internationalen Studierenden in den USA aufgrund ihres speziellen Visums untersagt ist. „Ich kann damit mein Leben finanzieren“, sagt Neugebauer, jetzt mit neuem Passvermerk in den USA. Zudem wird er seit 2018 von der Sporthilfe gefördert, aktuell im Top-Team. 

Über mangelnde Motivation muss man sich bei „Leo the German“ wohl keine Sorgen machen. Sein oberes Ziel: hart arbeiten und jedes Jahr besser werden. Gelingt ihm das, winkt die 9.000-Punkte-Marke, das schafften bisher nur vier Zehnkämpfer überhaupt. „Ich schaue von Höhepunkt zu Höhepunkt“, sagt Neugebauer, „und dieses Jahr ist das die WM im September in Tokio.“ Bis nach Los Angeles, 2028 Austragungsort der Olympischen Spiele in seiner amerikanischen Wahlheimat, reicht der Blick folgerichtig noch nicht. Ob er dann überhaupt noch in den USA lebt, lässt der Zweimetermann offen. Vorstellen könne er sich vieles, auch eine Rückkehr nach Deutschland.



Ich schaue von Höhepunkt zu 
Höhepunkt. Und dieses Jahr ist 
das die WM in Tokio.

Leo Neugebauer

Leonie Beck kämpfte in der Seine nicht nur gegen die Konkurrenz, sondern auch mit der starken Strömung.


Ich will so viel wie möglich mitnehmen und mich sortieren, auch mit dem Blick in die Zukunft.

Leonie Beck

Sabbatical vom Profi-Sport

Viel Zeit außerhalb Deutschlands hat in den vergangenen Jahren auch Leonie Beck verbracht. 2021 zog die Freiwasserschwimmerin in die Nähe von Rom, suchte sich eine starke Trainingsgruppe. Strand, Pizza und Aperitivi, aber auch harte Arbeit. Aktuell sieht man Beck wieder häufiger in Deutschland – etwa als Teilnehmerin beim Sporthilfe Elite-Forum in Hamburg, als Hospitantin bei der Sport-Streaming-Plattform Dyn in Köln, als Trainerin in einem Schwimmbad in München. Die 28-Jährige hat sich nach den Olympischen Spielen eine Auszeit vom aktiven Sport genommen.

In Paris war Beck als frühere Weltmeisterin und Mitfavoritin in die Seine gestiegen, deren Wasserqualität in den Tagen davor großes Thema war. Nach dem Wettkampf klagte die Würzburgerin, dass sie sich im Anschluss an das Rennen neunmal habe übergeben müssen. Dass es am Ende nur für den neunten Platz reichte, führt sie allerdings auf die ungewohnte Strömung zurück, mit der sie nicht zurechtgekommen sei. „Daran war nichts unfair, alle hatten die gleichen Bedingungen. Sie waren nur nicht für mich gemacht“, sagt Beck.

Wie enttäuscht die Wahl-Italienerin mit dem Ergebnis war, konnte sie direkt nach dem Wettkampf nicht verheimlichen. Sie brach in Tränen aus, entschuldigte sich bei der mitgereisten Familie und Bekannten für ihr Abschneiden. „Was natürlich Quatsch war. Aber das war ein sehr emotionaler Moment für mich“, so Beck. Das Geschehene arbeitete sie mit einem Sportpsychologen auf und sagt, sie könne damit abschließen. Allerdings sagt sie auch: „Rückblickend hätte ich mir nach dem WM-Titel 2023 eine Pause nehmen sollen. Damals war ich richtig leer, habe aber einfach weitergemacht.“

Diese Auszeit holt sie nun nach. EM, WM und Weltcups hat sie für dieses Jahr abgesagt, um „so viel wie möglich mitzunehmen und mich mal zu sortieren, auch mit dem Blick in die Zukunft“. Bei drei Olympischen Spielen war Beck bereits, sie hat zwei Studiengänge abgeschlossen und wurde 2022 von Sporthilfe und Deutscher Bank als Sport-Stipendiatin des Jahres ausgezeichnet. Klingt das schon nach Karriereende? „Aufhören war kein Gedanke. Ich bin offen für alles und schließe nichts aus“, sagt Beck.


Das Kindesalter ist jetzt vorbei.

Josia Topf

Spagat zwischen Studium und Spitzensport

Für Josia Topf ist bereits klar, wie es nach dem Spitzensport weitergehen soll. Im Herbst kommenden Jahres peilt der 22-Jährige das Erste Staatsexamen in seinem Jura-Studium an. Mindestens bis dahin soll für ihn aber noch der Sport an erster Stelle stehen. Diese Prioritätensetzung trug schon in Paris Früchte: Topf gewann mit Gold, Silber und Bronze einen kompletten Medaillensatz und wurde zum Shootingstar der Paralympics.

Der Erlanger kam ohne Arme und mit unterschiedlich langen, steifen Beinen zur Welt. Was ihn nicht hinderte, schon früh das Schwimmen für sich zu entdecken. Seit 2014 startet er bei Wettkämpfen, mit 18 Jahren feierte er kurz nach dem bestandenen Abitur seine Paralympics-Premiere in Tokio. 2022 folgten die ersten beiden WM-Medaillen – und dann kam Paris. Die Sportschau nannte Topf „das strahlende Medaillengesicht der Spiele“, die IOC-Website adelte ihn als den „vielleicht größten deutschen Star bei diesen Paralympischen Spielen“.

Das findet der bescheidene Athlet dann doch etwas hochgegriffen. Er sagt, nach den Paralympics habe sich „sehr viel verändert und doch irgendwie auch gar nichts“. Direkt nach Paris lenkten ihn Uni-Hausarbeiten ab, eine Woche später war er wieder im Wasser. Was sich verändert hat, sind die Erfolge und der Rummel um seine Person. „Man kann das, was man da erlebt hat, nicht in Worte fassen.“ Heute treffen weitaus mehr Anfragen ein, ob er nicht bei einer Veranstaltung anwesend sein oder einen Vortrag halten könnte. Das hat er zwar auch schon vor Paris getan, aber während er früher als Mutmacher über das Nicht-Aufgeben referierte, sind es nun andere Themen, zu denen Josia Topf gehört wird. Er formuliert es so: „Das Kindesalter ist jetzt vorbei.“

Das Rampenlicht, das er und andere Para-Schwimmerinnen und -Schwimmer derzeit bekommen – Topf war zu Gast in der TV-Sendung von Markus Lanz, Taliso Engel tanzte im Fernsehen bei „Let’s Dance“, Elena Krawzow ist gefragte Referentin und Talkgast – will er nutzen. Nicht, um sich darauf eine Karriere in den Medien aufzubauen oder, wie er selbst sagt, „ein Nahrungsergänzungsmittel rauszubringen“. Sondern um gesellschaftliche Themen anzusprechen und mehr für die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung zu tun. Nachhaltig etwas zu verändern, das ist Topf sehr wichtig.

Und wie steht es um die eigene Veränderung? Im September peilt er zunächst die WM in Singapur an, bei der er „nicht langsam schwimmen“ möchte. Danach geht es wieder an die Abwägung. „Mein Plan ist es, nach 2028 aufzuhören und die Prioritäten anders zu setzen. Das Zweite Staatsexamen wird viel Kraft brauchen und das Training werde ich auf diesem Niveau nicht mehr aufrechterhalten können“, sagt Topf. Aber: Er will noch keinen klaren Schlussstrich ziehen – eine Hintertür bleibt also offen.