Mentale Gesundheit im Leistungssport:

Irgendwann habe ich gemerkt: Ich schaffe das nicht allein

Wie fühlt es sich an, wenn der eigene Körper Höchstleistungen bringt, der Kopf aber an Grenzen stößt? Und wie verändert sich der Blick auf Erfolg, Gesundheit und Selbstfürsorge im Laufe der Karriere? Die Olympiasiegerinnen im Kanu-Slalom und Fußball, Ricarda Funk und Annike Krahn, im Gespräch über Leistungsdruck, mentale Stärke und den Umgang mit Krisen im Hochleistungssport.

Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin – Ihr habt beide sportlich unglaublich viel erreicht. Macht sportlicher Erfolg vollumfänglich glücklich?

Annike Krahn: Als ich meine Leistungssportkarriere beendet habe, ist mir bewusst geworden, dass das nicht so ist. Klar, die Erfolge bleiben sichtbar, das ist das, was außen wahrgenommen wird. Aber wenn wir über Gesundheit sprechen, muss man ehrlich sagen: Leistungssport ist nicht immer gesundheitsfördernd – weder körperlich noch mental. Da gehört unglaublich viel dazu. Ich hatte Mitspielerinnen mit unfassbarem Talent, die es nicht ganz nach oben geschafft haben, weil sie mental daran gescheitert sind. Auch das gehört zur Wahrheit dazu. Solche Athletinnen werden oft aussortiert. Deshalb muss man sich intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen – im Sport, aber genauso in der Arbeitswelt an sich. Ich glaube, das ist letztlich ein gesellschaftliches Thema.

Ihr habt damals mit der Nationalmannschaft nahezu alle Titel gewonnen – war mentale Gesundheit damals schon ein Thema im Team?

AnnikeIch glaube, vor zehn bis 15 Jahren war das noch nicht die Zeit, in der offen darüber gesprochen wurde. Man hat das nicht so explizit thematisiert. Aber natürlich gehört das in einer Mannschaft immer dazu. Ich sehe ja, wie es meiner Mitspielerin geht, wie sie reagiert, ob es ihr gut oder schlecht geht. Als empathischer Mensch beschäftigt man sich automatisch damit – auch wenn es nicht explizit ausgesprochen wird. Wir haben damals auch mit Sportpsychologen beziehungsweise Mentaltrainern gearbeitet, wobei ich bei diesen Begriffen immer etwas vorsichtig bin, weil es da sehr unterschiedliche Bezeichnungen gab. Persönlich habe ich das gar nicht so intensiv genutzt, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, dass es uns als Mannschaft geholfen hat, Ansprechpartner zu haben.

Externe Ansprechpartner?

Annike: Ja, beziehungsweise hatten wir in der Nationalmannschaft jemanden im Betreuerteam dabei. Uns hat es auch geholfen, dass diese Person nicht nur mit den Spielerinnen, sondern auch mit dem Trainerteam gearbeitet hat. Davon haben wir letztlich ebenfalls profitiert. Dadurch wurde es nicht automatisch als Problem gesehen. Man ging da nicht hin, weil mit einem „etwas nicht stimmt“. Oft ist das ja negativ behaftet

Container for the embedding snippet

(Will be hidden in the published article)

Das Gespräch wurde im Rahmen des Sporthilfe-Podcast „Wir gehen weiter“ geführt. Mit dem Podcast bietet die Stiftung ihren geförderten Athletinnen und Athleten eine Plattform für persönliche Geschichten und Einblicke auch abseits des Wettkampfs. Zu Gast waren unter anderem bereits Kunstturn-Weltmeister Lukas Dauser, das Beachvolleyball-Duo Louisa Lippmann und Linda Bock, Johanna Recktenwald, Weltmeisterin im Para-Skilanglauf sowie Rodel-Olympiasieger Max Langenhan.

Wie eine Schwäche.

Annike: Ganz nach dem Motto: „Ihr geht es nicht gut, deshalb braucht sie Hilfe.“ Aber man kann sich auch gut fühlen und trotzdem Unsicherheiten haben. Die hat jeder Mensch. Und dann hilft es einfach, mit jemandem zu sprechen, der fachlich dafür ausgebildet ist und einen ein Stück weit begleiten kann. Ich habe das grundsätzlich positiv gesehen, auch wenn ich es selbst nicht extrem intensiv genutzt habe. Ich war eher der Wettkampftyp, der den Druck sogar mochte. Aber heute sehe ich natürlich auch in meinem neuen Job und generell in der Arbeitswelt, welche Bedeutung das Thema hat.

Ricarda, die Olympia-Qualifikation 2016 – ein Erlebnis, bei dem du gemerkt hast, dass der Druck zu groß geworden ist und du deine Leistung nicht mehr abrufen konntest. War das deine erste bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema mentale Belastung?

Ricarda Funk: Tatsächlich war das 2016 während der Olympia-Qualifikation so. Ich war körperlich fit, aber ich konnte es im entscheidenden Moment einfach nicht zeigen. Natürlich fragt man sich dann: Woran lag es am Ende? Für mich war damals klar, dass Sportpsychologie ein Werkzeug sein könnte, mit dem ich mich intensiver beschäftigen sollte. In diesem Zusammenhang habe ich die Zusammenarbeit mit meinem Sportpsychologen deutlich intensiviert. Rückblickend bin ich überzeugt, dass das ein entscheidender Wendepunkt war – der mich letztlich auch zur Olympiasiegerin gemacht hat.

Das Angebot gab es also schon vorher über den Olympiastützpunkt?

Ricarda: Der Olympiastützpunkt München bietet das an und wir konnten es jederzeit nutzen. Trotzdem gibt es eine gewisse Hemmschwelle, weil man oft denkt, das sei ein Zeichen von Schwäche. Man muss selbst aktiv werden und überhaupt erst verstehen, dass dort etwas passiert, das einem helfen kann. Das Mentale ist unsichtbar. Man kann es nicht greifen. Und genau das macht es so schwer – auch für Außenstehende. Man sieht oft gar nicht, was in einem Menschen vorgeht oder was er eigentlich gerade braucht.

Musstest du oft verbergen, dass es dir eigentlich nicht gut geht?

Ricarda: Im letzten Jahr [nach den Olympischen Spielen in Paris; Anmerkung der Redaktion] ging es mir tatsächlich nicht gut, und ich habe versucht, das zu verstecken, weil ich diese Schwäche nicht zeigen wollte. Aber genau das kostet unglaublich viel Energie. Irgendwann muss das, was man fühlt, raus. Man muss darüber sprechen. Und allein in dem Moment fühlt es sich oft schon ein kleines bisschen besser an.


Officia proident ex mollit excepteur quis reprehenderit dolor cillum ipsum consectetur veniam sunt duis cillum.

Lorem ipsum

An wen konntest du dich in solchen Phasen wenden?

Ricarda: Natürlich an Freunde und Familie – die waren immer für mich da. Aber eben auch an meinen Sportpsychologen, mit dem ich schon viele Jahre zusammenarbeite. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe: Ich schaffe das gerade nicht allein. Also habe ich ihn angerufen und teilweise wöchentlich mit ihm gesprochen.

Das heißt, da ist über Jahre ein großes Vertrauensverhältnis entstanden. Und genau das kann wahrscheinlich nur wachsen, wenn man solche Angebote früh wahrnimmt und überhaupt lernt, dass sie sinnvoll sein können.

Ricarda: Absolut. Vertrauen ist ein ganz, ganz wichtiges Stichwort. Man muss das Gefühl haben, sich öffnen zu dürfen – ohne bewertet zu werden. Das wächst über Jahre. Am Anfang geht es eher um sportliche Themen: Wie gehe ich mit Druck um? Wie stehe ich am Start? Aber je länger die Karriere dauert und je älter man wird, desto mehr kommen andere Themen dazu. Wenn man jahrelang ständig an die Grenze geht – oder sogar darüber hinaus –, merkt man oft gar nicht mehr, was das mit einem macht. Man steckt alles in den Sport und vernachlässigt andere Dinge, die für uns als Menschen genauso wichtig sind. Wir haben nicht nur körperliche Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Schlafen, sondern auch psychologische Grundbedürfnisse. Und die geraten manchmal in Vergessenheit.

Annike, du bist heute verantwortlich für den Frauen- und Mädchenfußball beim VfL Bochum. Ist es sinnvoll, Athletinnen nicht nur nach körperlichen, sondern auch nach mentalen Fähigkeiten zu bewerten?

Annike: Ja, absolut. Gleichzeitig muss man ehrlich sagen, dass oft noch die nötigen Strukturen fehlen – wobei wir beim VfL Bochum für einen Frauenfußball-Zweitligisten schon gut aufgestellt sind. Wir arbeiten bereits im Nachwuchsbereich mit einer Sportpsychologin zusammen. Sie ist bei Heimspielen dabei, einmal pro Woche im Training und vor allem Ansprechpartnerin für die Spielerinnen. Sie wachsen heute anders damit auf als noch zu meiner Zeit. Sie sind offener für das Thema, weil mentale Gesundheit gesellschaftlich viel präsenter ist. Wir arbeiten jetzt die zweite Saison mit unserer Sportpsychologin zusammen und die Spielerinnen schätzen das sehr. Sie arbeitet übrigens auch mit den Trainerinnen und Trainern. Dieses unabhängige Feedback ist enorm wichtig.


Officia proident ex mollit excepteur quis reprehenderit dolor cillum ipsum consectetur veniam sunt duis cillum.

Lorem ipsum

Weil man sich innerhalb einer Hierarchie bewegt?

Annike: Genau. Deshalb ist es wichtig, zusätzliche Ansprechpartner zu haben. Natürlich ist da noch Luft nach oben. Aber grundsätzlich finde ich, dass man bei Talentsichtung oder Spielerinnenentwicklung nicht nur auf körperliche Aspekte schauen sollte, sondern eben auch auf mentale. Wenn nur nach Fitnesswerten entschieden worden wäre, hätte ich wahrscheinlich nie ein Länderspiel gemacht. Ich glaube, ich habe Vieles durch mentale Stärke und Fleiß erreicht. Deshalb rennt man bei mir mit diesem Thema offene Türen ein. Ich war immer froh, dass Menschen mich auch nach anderen Kriterien bewertet haben.

Welchen Rat würdet ihr jungen Athletinnen und Athleten geben?

Annike: Offen zu sein für mentale Unterstützung. Aber ich bin nicht jemand, der sagt: Jeder muss das machen. Eine Spielerin oder ein Athlet muss sich damit wohlfühlen. Aber man sollte dem Ganzen zumindest eine Chance geben und verstehen, dass es Unterstützung sein kann – gerade in schwierigen Phasen.

Du hast gerade Offenheit angesprochen. Ich glaube auch, dass sich da über die letzten Generationen viel verändert hat. Wie muss sich denn das System weiterentwickeln?

Ricarda: Zunächst einmal ist es gut, dass Athletinnen und Athleten sich trauen, offen darüber zu sprechen. Aber im Leistungssport braucht es vor allem ein Bewusstsein dafür. Und dieses entsteht nur, wenn wir das, was in uns vorgeht, auch irgendwie in Worte fassen können. Ohne dieses Bewusstsein wird sich wenig verändern. Für die mentale Gesundheit im Leistungssport ist das aber unabdingbar.

Ricarda Funk, Jahrgang 1992, krönte ihre bisherige sportliche Karriere mit dem Olympiasieg 2021 in Tokio. Die mehrfache Welt- und Europameisterin im Kanuslalom wird seit 2008 von der Sporthilfe gefördert. Aktuell ist sie Mitglied im Top-Team der Stiftung und erhält die Mercedes-Benz Elite-Förderung.  

Annike Krahn, Jahrgang 1985, wurde mit der Fußball-Nationalmannschaft 2016 Olympiasiegerin und gewann mit dem Team die Welt- und Europameisterschaft. Die 137-fache Nationalspielerin wurde von 2002 bis 2019 von der Sporthilfe gefördert, seit 2016 ist sie Mitglied im Sporthilfe Alumni-Club. Heute verantwortet sie beim VfL Bochum den Frauen- und Mädchenfußball.

Gerade weil Sportlerinnen und Sportler oft als Vorbilder für die Gesellschaft gesehen werden. Zu diesen Werten gehört ja auch Selbstfürsorge. Es gibt inzwischen Programme wie den „Matchplan“ der Sporthilfe. Helfen solche Angebote dabei, den Blick über den Sport hinaus zu öffnen?

Annike: Für mich ist das immens hilfreich. Der „Matchplan“ hat mir vor allem Raum für Selbstreflexion gegeben. Im Leistungssport ist vieles selbstverständlich: Training, Wettkampf, Leistungslogik. Aber sich bewusst Zeit zu nehmen, Dinge zu verarbeiten und zu reflektieren, passiert oft erst später. Mir ist Vieles tatsächlich erst nach dem Karriereende bewusst geworden – was mir der Leistungssport gegeben hat, aber auch, was er mit mir gemacht hat. Der „Matchplan“ hat mir geholfen, mich in meiner neuen Rolle als Verantwortliche neu zu orientieren und auch zu überlegen, wie man Strukturen künftig gesünder gestalten kann.

Also den Horizont erweitern und sich fragen: Wie bin ich als Mensch eigentlich in diesem System aufgestellt?

Annike: Man ist immer Teil eines Systems. Das merke ich heute in meiner neuen Rolle extrem. Man bewegt sich ständig innerhalb bestimmter Strukturen – genau das, was Ricarda auch beschrieben hat.

Ricarda, wie hat dir die Teilnahme am „Matchplan“ geholfen?

Ricarda: Ich habe mich intensiv mit der Frage beschäftigt: Wer bin ich eigentlich? Also mit dem Thema Identität. Die Teilnahme am „Matchplan“ hat mir Perspektive, Stabilität und Zuversicht gegeben – und vor allem Gemeinschaft und das Gefühl, nicht allein zu sein. Der Austausch mit anderen Athletinnen und Athleten war unglaublich wertvoll. Das hat mich auf meinem Weg zum nächsten Ziel definitiv unterstützt.

Was wäre euer größter Wunsch für die Zukunft beim Thema mentale Gesundheit?

Ricarda: Offenheit und ein Bewusstsein und dass wir uns gegenseitig die Hände reichen.

Annike: Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Der Matchplan

Der „Sporthilfe Matchplan enabled by JK“ ist ein wichtiger Baustein der Nachaktivenförderung der Sporthilfe in Kooperation mit Jürgen Klopp. Im Rahmen des Projekts werden Athletinnen und Athleten nach ihrer aktiven sportlichen Karriere mithilfe individueller Coachings und Workshops dabei unterstützt, ihre Fähigkeiten, Leidenschaften sowie zukünftigen Ziele zu identifizieren und potenzialgerecht zu nutzen. In Workshops und Dialogformaten geht es um Themen wie mentale Stärke, Führung, Teamarbeit, Kommunikation, Resilienz und individuelle Zielsetzung.